Sozialversicherung

Wir sind beide angespannt. Auf der Fahrt nach Stans reden wir belangloses Zeug, um uns abzulenken.

Wie wird das wohl heute? Wer ist für Malin zuständig?

Hoffentlich läuft es nicht so wie vor sieben Jahren. Mehrere ärztliche Briefe nützten nichts. Das damalige Gesuch um Unterstützung wurde abgelehnt. Als ich telefonisch nach den Gründen fragte, wurde ich mehr als unfreundlich abgewiesen. Auf eine Art, die keine ist. Ihr abschliessender Satz brachte mich dann vollends aus der Fassung:

"Wenn dann Ihre Tochter Prothesen braucht, können Sie sich wieder melden. Die Prothesen werden wir übernehmen." 

Es war in jener Zeit während der Chemo, als wir noch um ihr Überleben bangten und hofften, dass sie in ihrem jungen Alter KEINE Prothesen brauchen würde. Wir taten alles Mögliche dafür mit Überdruck-Therapien, Knochenanbohrungen, Infusionen...

Dieser abschliessende Satz der Versicherungsangestellten - noch dazu in diesem äusserst unfreundlichen, gleichgültigen Ton - hat mich damals, am Ende meiner Kräfte, so aus der Fassung gebracht, dass meine Tränen im Sturzbach flossen und ich kein einziges Wort mehr sagen konnte. 

 

Danach musste Padi für lange Zeit solche Telefonate übernehmen. Ich war zu emotional und schaffte es einfach nicht, gefasst zu bleiben, ohne in Tränen auszubrechen.

In der Zwischenzeit sind einige Jahre vergangen. Mittlerweile bin ich meistens recht abgeklärt und habe meine Emotionen im Griff. 

 

Jetzt sind wir unterwegs für eine Erstgespräch mit der Invalidenversicherung.

Es geht um eine mögliche Unterstützung bei der Eingliederung ins Berufsleben, beziehungsweise erstmal eine Möglichkeit für eine Ausbildung. 

 

Für mich persönlich ist es kein leichter Schritt. Für Malin noch viel weniger. Es ist wie ein Zugeständnis, dass Malin nicht gesund ist und es auch nicht zeitnah werden kann. Invalidenversicherung. Sagt schon viel aus. Entsprechend fällt mir der Gang zum Amt schwer.

Dennoch ist es ein wichtiger Schritt, denn wir sind an die Grenzen gestossen. Ich bin an Grenzen gestossen, kann ihr nicht mehr - oder sicher nicht ausreichend - weiter helfen in ihrer momentanen Situation.

Sie fühlt sich verloren, weiss nicht, wie und vor allem was sie machen kann. Denn: Ihre Knochen brechen.

Wie geht es weiter? Wie kann sie eine Ausbildung machen? Welche? Wie soll sie zukünftig selbständig leben können?

 

Schon der erste Eindruck ist positiv. Auch Malin meinte später: "Wo n'ich sie gseh ha, han ich dänkt, das chund guet." 

Sie sollte Recht behalten. 

Es ist in keiner Weise vergleichbar mit jener Frau vor sieben Jahren. Unser Gegenüber ist interessiert, verständnisvoll, empathisch.

 

Malin erhält durch die IV einen persönlichen Coach zugewiesen. Diese Frau wird sie bei Abklärungen mit der Hochschule, mit Praktikumsstellen etc. unterstützen. Ausserdem wird sie ihre erste und direkte Ansprechperson rund um Fragen über Ausbildung und Berufsfindung sein.

Das klingt als erste Hilfestellung sinnvoll.

Des weiteren sieht sie ganz klar, dass Malin unter den aktuellen Umständen nicht 100% arbeitsfähig ist. Sie setzt sich dafür ein, dass sie das Praktikum auf 60% reduzieren kann und das Praktikum trotzdem anerkannt wird.

 

Es ist ein gutes und konstruktives Gespräch. Wir sind einen grossen Schritt weiter gekommen. Auf der Heimfahrt sind wir beide schon recht erleichtert. Aufatmen.

 

Die Richtung stimmt.