Schattenkinder

Unser Jüngste ist 18. Kann es kaum fassen. Die Wände sind voll geklebt mit Fotos von den letzten 18 Jahren. Die Entwicklung ist schon beeindruckend. Bin gerührt. Erinnerungen werden wach. So viele schöne Momente!

Heute ist Enyas Tag. Heute feiern wir sie, obwohl sie es eigentlich nicht mag, im Mittelpunkt zu stehen. Jedenfalls nicht am Geburtstag.

"Es wird nicht gesungen!" stellt sie unmissverständlich klar.

Vergeblich, das "Happy Birthday" wird irgendwo angestimmt und alle singen mit. Amüsiert nehme ich ihren kurzen, missbilligenden Blick wahr, der aber rasch in ein etwas aufgesetztes Lächeln kippt. Typisch Enya - wenn ihr etwas nicht passt, dann wird's unübersehbar. Obwohl sie sich hie und da doch die Mühe macht, ihre Missbilligung zu vertuschen, gelingt es ihr oft nicht.

 

Mein kleines grosses Mädchen! Inzwischen hat sie mich in der Länge längst überholt. Sie ist über 1.80 m gross, sportlich, engagiert, neugierig, kritisch, laut, nachdenklich, forsch, unkonzentriert, aufbrausend, mutig, explosiv, energievoll, initiativ, kreativ, hilfsbereit, verletzlich, unterstützend, verantwortungsvoll, herzensgut... kurzum: Eine vielseitige grossartige junge Frau, die weiss was sie will - und auch, was sie nicht will.

(Und sie will ganz sicher nicht, dass ich hier ihren neuen Kollegi- Rekord beim Diskuswerfen erwähne. Genau an ihrem heutigen Geburtstag bricht sie den seit 13 Jahren bestehenden Rekord um sieben Meter! Bin einfach grad so stolz auf sie - und sie würde mich jetzt lautstark kritisieren - aber das nehme ich in Kauf :-)

 

 

Als Malin erkrankte war Enya neun. Genau die Hälfte ihres Lebens hat sie als sogenanntes "Schattenkind" gelebt.

So werden Geschwister genannt von beeinträchtigten, verletzten oder kranken Kindern. Sie stehen im Schatten des kranken Kindes. Und zwar ständig. Die Eltern brauchen viel Energie und Zeit für das kranke Kind und entsprechend weniger bleibt für die gesunden Kinder, die Schattenkinder. Das ist unumgänglich, auch wenn sich die Eltern noch so viel Mühe geben und ihre letzte Energie für die gesunden Kinder aufheben. Es reicht trotzdem nicht.

Einige Kinder sind von klein auf "Schattenkinder", sie kennen nur diese Rolle und wachsen hinein. Sie wissen nicht, wie es anders ist. Wie es ist, mit den Eltern allein unterwegs zu sein, wenn sich nicht (fast) alles um das Geschwisterkind dreht oder wenn die Geschwister ähnliche Rollen in der Familie haben.

 

Bei Joel und Enya war das nicht der Fall. Sie erhielten diese Rolle abrupt - am 24. April 2017. Plötzlich und völlig unvorbereitet. Sie waren damals in der dritten Klasse, Enya auf der Primar, Joel im Kollegi.

Die Schattenkinder halten oft ihre eigene Probleme zurück. Sie sagen nichts und tragen sie möglichst mit sich selbst aus, damit sie die Eltern nicht noch mehr belasten. Sie übernehmen oft schon viel zu früh Verantwortung, organisieren sich selbst, weil die direkte Anlaufstelle, die Eltern, absorbiert sind.

Die Schattenkinder - sie kommen zu kurz. Ganz klar.

Obwohl sie es wohl nie so sagen würden. Um die Eltern nicht zu beschuldigen und damit noch mehr zu belasten. Sie spüren oft selbst, dass es nicht anders geht, das ändert leider nichts an der Tatsache, dass es so ist.

 

Seit neun Jahren dreht sich vieles um Enyas Schwester. Durch ihre vielen Neben- und Spätwirkungen sind wir immer noch dran. Das heisst konkret, dass sich noch viele Gespräche um Spital und weitere Operationen, Diagnosen, Therapien, Befunde, neue Perspektiven handelt...

Schon längere Zeit ist offensichtlich, dass Joel und Enya auf "Durchzug" schalten, wenn davon die Rede ist. Sie mögen es nicht mehr hören. Zu viel war. Zu lange. Dabei meinen sie es nicht böse - sie ertragen es einfach nicht mehr. Sie haben genug. 

Das ist sehr verständlich, aber nicht immer einfach. Auch Malin hat schon lange genug. Und auch wir.

Trotzdem geht's weiter.

 

Nun ist also auch unsere Enya "erwachsen".

Schon verrückt. Zeit, wo bist du? 

Ich bin unsagbar stolz - auf alle drei!

Wie sie ihren Weg meistern! Trotz manchen Hürden, die es halt so gibt im Leben.

Ich schaue mir die Bilder an der Wand an, betrachte unsere kleine Enya mit den blauen Kulleraugen und dem schelmischen, fröhlichen Blick. Auch auf den Bildern ist kaum zu übersehen, wie energievoll und kreativ sie als Kind schon war.

Auf dich, meine allerliebste Enya - du bist einfach wunderbar - und grossartig!