Sie liegt ruhig da, die Augen glasig und leicht geschlossen. Lotte geht's nicht gut. Regelmässig bringe ich ihr frisches Wasser und Salat. Sie knabbert ein wenig daran, trinkt ein paar Tropfen Wasser aus der Pipette, die ich ihr hinstrecke und sachte in ihren Mund tröpfeln lasse.
Sie ist sieben Jahre alt. Ein stolzes Alter für ein Meerschweinchen.
Seit mehr als einem Jahr lebt sie allein. Der Versuch, sie bei anderen Meerschweinchen zu integrieren, scheiterte. Lotte wurde von den anderen traktiert und so holten wir sie wieder zu uns nach Hause. Wir wissen sehr wohl, dass das nicht optimal ist und so geben wir uns ganz besonders Mühe, sie zu unterhalten und gut zu pflegen. Alle reden mit ihr, bringen ihr Gemüse und Obst und vor allem Malin nimmt sie regelmässig aus dem Stall. Und Lotte scheint es sichtlich zu geniessen und blüht richtig auf.
Früher - typisch für ein Fluchttier - rannte sie schnell weg, wenn wir ein paar Schritte näher kamen. Heute streckt sie keck ihren Kopf entgegen, pfeift uns zu und kuschelt sich täglich bei Malin an den Hals, wenn sie sie zu sich auf das Sofa nimmt. Es scheint grad so, als ob sie ihr Meerschweinchen -Pensionsalter noch einmal so richtig geniessen wollte. Und auch wir lieben unser kleines, vierbeiniges Fellbündel mit den kugelrunden Augen.
Jetzt ist sie krank und wir versuchen, sie aufzupäppeln. Malin ist in Basel im Spital. Bei unserem allabendlichen Video-Call schwenken wir auf Lotte. Malin redet auf sei ein und sie reagiert tatsächlich auf ihre Stimme und hebt den Kopf, schaut in jene Richtung aus der die Stimme klingt.
Lottes Blick ist müde.
"Es isch im Fall scho guet. Du darfsch gah." sagt Malin leise, obwohl man ihr ansieht, dass sie sie am liebsten noch Jahre behalten würde. Sie hat einen besonders guten Draht zu Lotte und dass sie ausgerechnet jetzt im Spital liegt, ist schwierig.
Aber Lotte will noch nicht gehen. Sie wartet tatsächlich noch einige Tage - bis Malin nach Hause kommt. Erst dann stirbt sie.
Erinnerungen werden ausgetauscht. Während vierzehn Jahren hatten wir nun Meerschweinchen. Wie oft sassen die Kinder vor dem Gehege, hielten den kleinen Nagern frisch gepflückten Löwenzahn hin und erzählten von ihrem Alltag, von Freude, Frust und Kummer. Die Meerschweinchen waren geduldige Zuhörer dieser Monologe und den Kindern tat's gut.
Jetzt sind die Gehege leer und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich beim Rüsten Gemüse und Salat auf die Seite lege für Lotte - bis ich realisiere, dass Lotte nicht mehr da ist. Sie war eines jener drei Jungen, die vor sieben Jahren überraschenderweise plötzlich im Stall lagen. Wir hatten - ohne es zu wissen - ein trächtiges Weibchen gekauft.
Wie wunderbar war das. Ein richtiger Aufsteller in einer schwierigen und intensiven Zeit. Für uns alle.