Ich rüste den Salat, Malin, eben erst aufgestanden, deckt den Tisch.
"Übrigens, möchtest du wieder..."
"Ja," unterbricht sie mich. Ich schaue sie verwundert an.
"Weisst du denn, was ich sagen wollte?"
"Ja, ob ich wieder das Abschiedsritual fürs zweiti Bei wett mache. Und ja, ich wett das mache."
Ich kann es nicht fassen. Das ist ja schon fast unheimlich. Denn genau danach wollte ich fragen.
Seit dem Februar haben wir nie mehr darüber gesprochen, es war schlicht kein Thema mehr. Kürzlich fiel mir ein, dass nun allenfalls dieses Ritual wiederholt werden könnte.
Und genau jetzt setzte ich an, um sie danach zu fragen.
Die Frage - nur gedacht und noch überhaupt nicht gestellt - ist bereits beantwortet.
Also werden wir das tun.
Der Termin naht. Im Gegensatz zur Operation der ersten Prothese weiss sie nun genau, was ihr bevorsteht. Das macht es nicht einfacher. Denn nach der OP hatte sie starke Schmerzen und die Erinnerung daran sind noch sehr präsent.
Malin hatte in den letzten Jahren schon oft Schmerzen. Sehr schlimm waren jene aufgrund der ausgeprägten Pankreatitis (Bauchspeicherdrüsenentzündung) wobei Dreiviertel der Drüse abgestorben ist. Dieser Schmerz muss höllisch gewesen sein. Ebenso bei der Mukositis (Mundschleimhäute, die sich ablösen). Über Wochen hatte sie derart grosse und tiefe Wunden im Mund, dass sie nicht mehr essen konnte und letztlich künstlich ernährt werden musste. Und dann waren da noch diese Nervenschmerzen am ganzen Körper, ausgelöst durch das Vincristin, einem Zytostatikum, welches bei der Chemotherapie eingesetzt wurde. Jede kleinste Vibration löste damals grösste Schmerzen aus. Überall. Es reichte sogar, wenn jemand draussen unseren Gang entlang lief. Sie schrie stundenlang. Tagelang.
Es war einfach nur schrecklich.
Sie hat weiss Gott schon viel erlebt in ihrem jungen Leben. Wir finden, es reicht. Wenn es also irgendeine Möglichkeit gibt, die Schmerzen zu lindern, sollen die Fachärzte das tun. Auch wenn dies bedeutet, dass Malin vorübergehend zugedröhnt und benebelt sein wird. Egal. Hauptsache, dieser elende Schmerz ist gelindert.
Die Pflegefachfrau schiebt das Bett den Korridor entlang.
"Und - bist du sehr nervös?" fragt sie freundlich, während sie das Bett in den Lift bugsiert.
"Nei, vor de OP eigentlich nid, eher vor dem, was nachhär uf mich zue chund...."
Die Lifttür schliesst sich.
Jetzt heisst es für mich wieder: Warten.
Am frühen Nachmittag dann das beruhigende WhatsApp: "Bi wieder im Zimmer."
Die OP verlief soweit gut. Anscheinend musste ein unerwarteter Hohlraum im Oberschenkelknochen gefüllt werden mit Knochenmaterial, welches für die Befestigung der Prothese sowieso hat entfernt werden müssen.
Diesmal haben sie Malin einen Schmerzkatheter gelegt, um die aufkommenden Schmerzen direkter und schneller zu lindern. Überhaupt sieht sie viel besser aus als nach der OP im Februar. Am Infusionsständer hängt ein Beutel mit Eigenblut, das retransfundiert wird. Es ist jenes Blut, welches ihr über die Drainage- Schläuche aus der Wunde in einen Beutel abfliesst. Also quasi auf der einen Seite raus, auf der anderen Seite wieder rein.
Trotz der intensiven Therapiezeit der letzten Jahren mit den unzähligen Spitalaufenthalten spüre ich wieder ein unangenehmes Ziehen in meiner Magengegend beim Anblick dieses Wirrwarrs von blutgefüllten Schläuchen und Beuteln. Ich wäre für einen Job hier absolut nicht geeignet.
Immer noch nicht.
Also konzentriere ich mich auf Malins Gesicht - und bin einmal mehr äusserst dankbar für die herausragende Arbeit des Pflegepersonals sowie der Ärzte.