...mit dem Latein am Ende...

Die Abschlussprüfung meiner Grundausbildung naht. Also habe ich mich in den letzten Wochen oft stundenlang im Atelier "verschanzt". Habe versucht, mir die vielen lateinischen Pflanzen- und Drogennamen, deren Wirkstoffe und Anwendungsgebiete, die Anatomie des Körpers, die Funktionen der Organe sowie viele medizinische Fachbegriffe zu merken. Bei so viel Lernstoff aus Lehrbüchern und Ordnern wusste ich kaum mehr, wo mir der Kopf stand und noch weniger, wo und wie ich beginnen sollte. 

Nach etlichen Jahren "Lernpause" fiel es mir unerwartet schwer, mich zu konzentrieren und einigermassen strukturiert den Lernstoff aufzuarbeiten. Den roten Faden konnte ich schon gar nicht verlieren, denn ich hatte ihn nie gefunden.

Ein entmutigendes Gefühl. Dazu kam, dass ich mir das ganze Zeug ungewöhnlich schlecht einprägen konnte, obwohl es mich ja sehr interessierte. Ich las, verstand - und vergass wieder. Unbekannt für mich. Denn ich hatte seit jeher das geschätzte Privileg, mit wenig Aufwand recht locker über die Schul- und Studienrunden zu kommen.

Jetzt allerdings scheint es so richtig zäh. Liegt es nur am fortgeschrittenen Alter? An der mehrjährigen "Lernpause" oder hat es gar einen Zusammenhang mit der Hirn- und Hirnhautentzündung, an der ich vor sieben Jahren erkrankt war? Hat diese vielleicht doch bleibende Spuren hinterlassen? Schliesslich war ich damals längere Zeit "ausser Betrieb", konnte nicht mehr richtig gehen, sehen, hören...

Ist das möglich?

Ja. Es ist. Tatsächlich sind neurologische Spätfolgen wie Konzentrationsschwäche und verminderte Auffassungsgabe nach einer solchen Erkrankung nicht selten der Fall. Habe ich nachgelesen (anstatt gelernt).

Bringt mir aber nichts. Nur Ernüchterung. Jetzt habe ich die Wahl zwischen "im Selbstmitleid baden und aufgeben" oder "jetzt erst recht - reinknien und das Beste daraus machen".

Ich entscheide mich für letzteres.

Versuche mich zu fokussieren, eine (für mich) neue Lernstrategie zu finden. Klebe die Wände voll mit Zusammenfassungen, Zettel und Notizen und repetiere, lese quer, verknüpfe...

Und dann schreibe ich die Prüfung. Einiges weiss ich. Bei einigem weiss ich, dass ich es gewusst hatte und nun grad nicht mehr weiss. Ich weiss sogar auf welchem Zettel an welcher Seite der Wand im Atelier ich nachsehen könnte, wenn ich denn könnte.

Nach der Prüfung fällt mir dann auch die Antwort wieder ein. Zu spät. Aber was solls. Wird schon werden.

Und wenn nicht, ist es auch kein Weltuntergang. Ich habe so oder so viel gelernt. Nicht nur etliche lateinische Pflanzennamen und viel Wissenswertes über Phytopharmaka - sondern auch über neue Lernstrategien und Lernformen.

Und ich verstehe und kann nun wirklich nachfühlen, wie das für all jene sein muss, für die die Schulzeit ein einziger Krampf ist. Die zwar stundenlang lernen und viel Zeit investieren, das Gelernte aber nicht mehr abrufen können.

Es ist frustrierend.

Und dieses Gefühl werde ich (im Gegensatz zu den lateinischen Pflanzennamen) nicht so schnell wieder vergessen.

 

 6. März 23. Nachtrag: Habe heute Bescheid erhalten. Diplomprüfungen bestanden! Freue mich sehr!