versöhnt

Kurz vor Mitternacht, der Countdown läuft, die Sekunden werden rückwärts gezählt, 10, 9, 8.... 

Wir zählen mit, das Jahr 2020 ist schon bald Geschichte. Enya und ihre Freundin zünden die Tischbomben an, die Gläser werden gefüllt zum Anstossen auf das neue Jahr. Gemütlich, im kleinen Kreis, mit zwei guten Freunden.

 

"Endlich ist dieses Jahr vorbei", schreit die Moderatorin etwas gar überschwänglich ins Mikrofon.

 

Wirklich?

 

Zugegeben, die Pandemie hat in diesem Jahr vielerorts Leid und grosse Unsicherheit ausgelöst.

Und ja, alles ist anders. Bei allen. Weltweit. Etwas, das man sich in diesem Ausmass wohl nicht hat vorstellen können zuvor. Die Menschen auf erzwungenem Abstand, isoliert, zunehmend einsam.

Für viele lebensgefährlich, existenzbedrohend - für andere entschleunigend, erholsam.

Man besinnt sich. 

Was ist wirklich wichtig?

Vieles wird relativiert, sortiert, neu ausgelegt.

 

 

Anfang des Jahres 2020. Wir waren müde und schliefen trotzdem schlecht. Gedankenkarussell. Immer vor Malins monatlichen onkologischen Nachsorgekontrollen schlug sie zu, diese elende Angst, die sich einfach nicht abschütteln liess. Wie eine Klette hing sie an mir. Malin litt weiterhin regelmässig an viralen Infekten, erholte sich jeweils nur schlecht davon, was uns zusätzlich beunruhigte. Wir versuchten schier krampfhaft, zuversichtlich zu bleiben. Es fiel schwer, fühlte sich so anstrengend an. Immer noch.

 

Dazu kam diese ungewollte Traurigkeit auf. Darüber, so viel verpasst zu haben in den letzten Jahren. Durch die langen Spitalzeiten, diese ewigen Rückschläge und Einschränkungen ging so viel gemeinsame Zeit mit unseren Kindern verloren. Zeit, die man weder zurückdrehen noch aufholen kann. Wir wurden als Familie schonungslos ausgebremst. Und in der Zwischenzeit sind sie schon so gross geworden - unsere Kinder - gehen vermehrt ihre eigenen Wege, was ja auch richtig und wichtig ist.

Die Traurigkeit und Angst vermischte sich mit der grossen Erleichterung und dem Glücksgefühl, dass Malin überlebt hat. Eine sonderbare Mischung, die irgendwie schwer zu ertragen war...

 

März. Lockdown. Alles zu. Homeschooling, Isolation, geschlossene Läden und Restaurants, abgesagte Konzerte und kulturelle Anlässe führten dazu, dass alle zwangsläufig viel Zeit zu Hause verbrachten.

Für uns ein Geschenk.

Wir kochten, backten, bastelten, malten, redeten, lachten, stritten, turnten, diskutierten, fachsimpelten, lernten, lasen, spielten, musizierten und bauten zusammen ein grosses Aussengehege für die fünf Meersäuli der Mädels. Familienzeit!

Auch die Ernährung stellten wir damals (auf den Rat der Integrativärztin hin) komplett um: Kein Zucker, kein Weizen, keine Eier und Produkte mit Eiern, keine Milch und Milchprodukte. Seither blieben sämtliche viralen Infekte aus. Kein einziger Infekt hatte sie mehr. Schon erstaunlich. Hätten wir so nicht gedacht. Die Umstellung, der damit verbundene Aufwand (manchmal war es wirklich ein ziemlicher Krampf!) und Verzicht auf so vieles - hat sich so immerhin spürbar gelohnt.

 

Wir haben gelernt zu akzeptieren was nicht (mehr) zu ändern ist. Und was zu ändern ist, tun wir.

Mit neuen Therapieansätzen versuchten wir in diesem Jahr, Malin wieder "auf die Beine" zu helfen und ihre Schmerzen zu lindern. 
Sie hat eine intensive Therapie in der Überdruckkammer in Basel sowie die ersten Infusionen in Luzern hinter sich. Letztlich hätten wir uns wohl mehr davon erhofft. Aber sie hat immerhin kleine Fortschritte gemacht und braucht ihre Krücken weniger oft. Für eine Reduktion der Schmerzmittel sowie für längere Strecken zu Fuss reicht es allerdings (noch) nicht.

 

Nein. Die Meinung der Moderatorin teile ich nicht.

Nicht alles war schlecht in diesem Jahr. Für uns nicht. Wir hatten Glück. Wir haben ein schönes Zuhause und uns wurde ganz unerwartet Zeit "rückvergütet" - ein besonderes Geschenk in Form von gemeinsamer Familienzeit!

Und wir konnten uns erholen von den letzten sehr anstrengenden Jahren. Verschnaufpause. Wie gut sie tat! Wie nötig sie war!

Als hätte jemand den Pausenknopf für uns gedrückt. Wir erhielten die Chance, wieder auf die Spur zu finden. Fühlen uns mittlerweile ausgeruht - und versöhnt. Die Zuversicht ist wieder zurück und schafft es, die Angst fast ganz zu verdrängen! Alles wird gut!

 

Wir, allen voran Malin, haben intensive Jahre hinter uns. Die grosse Solidarität, die wir immer wieder spüren durften, half über manch schwierige Zeit hinweg. Unzählige schöne Gesten und berührende Geschichten gehören dazu.
Wir wurden getragen - von vielen Händen und Herzen und wir durften erfahren, was tiefe Freundschaft, Verbundenheit und Familienzusammenhalt bedeutet!

 

DANKE!

 

Für all dies!