Malin beklagt sich. Sie sieht nicht mehr gut. Kürzlich hatte ein Lehrer an der Wandtafel Korrekturen zu aktuellen Prüfungsaufgaben hingeschrieben ohne explizit darauf hinzuweisen. Er nahm berechtigterweise an, die Lernenden würden das Geschriebene schon beachten, was sie auch taten. Mit Ausnahme von Malin - sie sah es gar nicht erst und kam ganz frustriert nach Hause, weil sie die Aufgabe deswegen nicht lösen konnte. Sie sah nicht einmal, dass an der Tafel überhaupt etwas geschrieben stand.
Mit dem Sehtest dann die Bestätigung: Malins Sehvermögen hat sich um 50% verschlechtert! Kein Wunder also, hat sie so vieles nicht mehr sehen können! Diesmal hat es allerdings nichts mit den vergangenen Netzhautblutungen zu tun, sondern mit ihrer bestehenden Kurzsichtigkeit. Die Fachfrau bringt eine erste Auswahl an Brillen, eine nach der anderen wird auf die Nase gesetzt. Malin hat ein ausgesprochenes "Brillengesicht", will heissen, sie kann fast jede Brille aufsetzen und sieht gleichermassen gut aus. Eine Qual der Wahl also, was die Entscheidung nicht einfacher macht.
Schon wenige Tage später können wir die ausgewählte Brille mit den angepassten Gläsern abholen. Sie setzt sie auf, schaut mich an und sagt mit einem breiten Grinsen: "Jetzt gsehn ich dini Falte im Gsicht!" Ganz so genau wollte ich's nicht wissen - auf einen Blick bin ich in ihren Augen um Jahre gealtert. Vielleicht kann sie ja ab und zu ihre Brille wieder weglegen, damit ich faltenlos jung scheine - wenn auch nur für einen kurzen Moment.