kunterbunt

Am Montag waren wir bereits im Spital, um Malins Blutwerte zu kontrollieren. Sie sind erfreulich angestiegen - die Woche Chemopause hat ihre Wirkung nicht verfehlt und gut getan.

Heute nun ist alles akribisch durchgetaktet. Gestern Abend kochte ich bereits das Thai Curry (mit Malins selber gemachter Currypaste) vor. Joel ist heute Mittag als erster zu Hause und hat den Job alles aufzuwärmen und den Salat zu machen, Enya tischt. Ich hole direkt nach meinem Unterricht auf dem Heimweg Malin von der Schule ab. Wir haben nur etwa zwanzig Minuten Zeit zum essen, dann müssen wir bereits wieder losfahren. Die Kontrolle beim Endokrinologen habe ich ursprünglich extra nach hinten geschoben, dachte, damit wir kein "Gjufel" haben werden. Nichts da. Letzte Woche lag dann das Schreiben mit dem Aufgebot der Ernährungsberatung im Briefkasten... Hatte ich glatt vergessen! Stimmt - Anfang November haben wir irgend ein Datum abgemacht...

Nochmals anzurufen, nochmals zu schieben und im dümmsten Fall an einem anderen Tag schon wieder nach Luzern fahren zu müssen, hatten weder Malin noch ich Lust, weshalb wir es so beliessen und dafür heute ein "Gjufel" in Kauf nehmen, zumal die Anfahrt ja auch noch mitzurechnen ist.

Seit einigen Tagen sind die Schmerzen an den Beinen wieder stärker geworden. Malin hat noch mehr Mühe in und aus dem Auto zu steigen. Das Aufstehen von Stuhl oder Bett sowie das Gehen sind ein einziger Krampf, ganz zu schweigen vom Treppen steigen. Wir verladen den Rollstuhl ins Auto - Malin sagt nichts dazu. Sie merkt wohl selber, dass es im Moment zu schwierig ist - und zu schmerzhaft.

 

Wir schaffen es, sind pünktlich bei der Beratung, können noch einige Fragen klären und sie ihrerseits gibt uns Anweisungen mit, wie wir uns bezüglich Diabetes bei Grippe, Durchfall und Erkältungen verhalten müssten. Dann nämlich verändert sich der Blutzuckerwert und das Insulin muss vorsichtiger berechnet und gespritzt werden. Nach einer kurzen Pause draussen an der Sonne geht es weiter zum Endokrinologen.

 

Er begrüsst Malin herzlich, fragt sie, ob er sie gleich ins Sprechzimmer schieben dürfe und läuft mir ihr los. 

Im Sprechzimmer angekommen, staunen wir nicht schlecht: Alle Wände, sowie sämtliche Schranktüren sind mit hunderten von Kinderzeichnungen tapeziert - lückenlos vom Boden bis hin zur Decke! Allesamt von jungen Patienten - in kunterbunter Vielfalt! Fasziniert schauen wir uns um. Er hätte da noch einige zum Aufhängen, meint er, nur der Platz fehle ihm dazu. "Jetzt machen wir dann einfach an der Decke weiter!"

 

Kinderzeichnungen finde ich wunderbar! Dieses Gradlinige, Ehrliche, Bunte mit den eigenwilligen Perspektiven - gerade so, wie sie es mit ihren Kinderaugen sehen und vor allem, wie sie es empfinden. Dinge die eigentlich klein sind werden plötzlich gross und umgekehrt. Schade, dass man diese kindlich schöne Wahrnehmung irgendwann verliert im Versuch, möglichst realitätsgetreu zeichnen zu wollen...

Unsere Kinder haben alle drei sehr viel und oft gemalt und gebastelt. Stifte, Schere, Leim und Papier waren immer griffbereit und wurden rege genutzt. Joel und Malin hatten damals auch Enyas Geburtsanzeige (die ganze Familie mit Enya im Bauch) gemalt und gestaltet - ich finde sie nach wie vor grossartig! 

Ein solches Zimmer habe ich allerdings noch nie gesehen. Wir sind beeindruckt und irgendwie hebt es sogar die Stimmung.

Der Facharzt liest Malins Messgerät im Computer ein und analysiert ihre Blutzuckerwerte der letzten Wochen. Die machen zwar einige offensichtliche Ausreisser nach oben und unten - in den letzten Tagen vor allem nach unten - aber sonst ist er sehr zufrieden. Er passt die Faktoren an, klärt Unsicherheiten auf eine lockere und verständliche Art, mit immer wieder humorvollen Kommentaren untermalt und versichert, dass wir in der Nacht nicht mehr den Wecker stellen müssten. Die Möglichkeit, dass Malin nach der neuen Einstellung in der Nacht unbemerkt in ein leichtes Hypo fallen wird besteht wohl, aber ihr Körper könne dieses selber regulieren, indem die Blutzuckerreserven von beispielsweise der Leber vorübergehend "angezapft" würden. 

Ausserdem verspricht er Malin, nach Abschluss der Chemotherapie wird für sie auch eine Insulinpumpe infrage kommen, was vieles erleichtern und auch Spontanes wieder ermöglichen wird. Dazu zeigt er ihr wie die verschiedenen Modelle aussehen und wie sie funktionieren. 

Er hat es geschafft, uns positiv gestimmt aus diesem kunterbunten Sprechzimmer zu entlassen. Im Wissen, irgendwann wird sich alles recht gut einpendeln und wir - allen voran Malin - werden immer besser lernen mit den Einschränkungen gut und unkompliziert umzugehen. Es braucht seine Zeit, aber es wird schon. Wir sind auf gutem Weg dazu.